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Der Landesbischof Ralf Meister

Mein Freiraum in der Woche

Der Sonntag

Jeder Sonntag ist gleich, jeder Sonntag ist anders. In einer besonderen Weise sind durch alle Lebensjahrzehnte die Sonntage ähnlich geblieben und doch verschieden. Gewiss hat dieser erste Tag der Woche, an dem wir die Auferstehung Jesu feiern, nicht mehr die Beschaulichkeit meiner Kindheit. Das etwas spätere Aufstehen und ein geruhsames Frühstück mit Eltern und Geschwistern gehörten dazu. Zuvor durften mein Bruder und ich auf Vaters Schoß beim Weg zum Brötchenholen das Auto durch den Wald lenken – großes Abenteuer. Und vom Frühling bis zum Herbst fand nach dem Frühstück eine Feldbegehung statt. Das war, mein Vater kam aus der Landwirtschaft, ein kleiner Spaziergang mit der ganzen Familie durch das große Grundstück mit 60 Obstbäumen, zahllosen Johannis- und Stachelbeersträuchern und einem riesigen Gemüsefeld. Alles versprach viel Arbeit im Herbst, wenn die „Ernte“ eingebracht werden sollte, mit Apfelmost, Marmelade einkochen und eingeweckten Gläsern von Mix Pickles bis Mirabellen, die in den Kellerregalen bis zur Decke standen. Die Stunden zogen sich in einer Langsamkeit dahin, die mir im späteren Leben selten wiederfahren ist. Kein Termin drängte, es geschah einfach. Am Nachmittag, wenn das Wetter gut war, kam ein Spaziergang in der Fischbeker Heide hinzu. Die Schwarz-Weiß-Fotos erinnern mich, in welcher herausgeputzten Variante wir Kinder mit spazierten: Weiße Kniestümpfe, Lederhosen, helles Hemd. Vater war zu Hause, keine Wäsche auf der Leine, die Uhren liefen langsamer.

Von diesem ruhigen Gleichmaß ist wenig geblieben. Doch auch wenn ich mehrere Gottesdienste feiere an Sonntagen und dabei manchmal hunderte Kilometer zurücklege, ist der Sonntagslauf nur selten so dicht gedrängt wie an den Wochentagen. E-Mails sind die Ausnahme. Post trifft nicht ein, Telefonate sind selten. Bei den Fahrten kann ich hinten im Wagen Tagebuch schreiben, manches Buch lesen oder still die Natur beobachten. Wie freute ich mich jüngst, als wir zu früh an der zweiten Station eintrafen und wir die Zeit auf einem verlassenen Bahnhofsgelände verbrachten, uns an der wilden Natur erfreuten und seltene Schmetterlinge beobachteten. Und jeden Sonntag am Abend der Anruf bei den Eltern – Familie eben.

Für meine Frau und mich ist der Sonntag immer häufiger zu einem gemeinsamen Festtag geworden. Oft reisen wir zusammen in die Gemeinden, freuen uns am Gottesdienst, genießen zusammen die Begegnungen und tauschen uns auf der Rückfahrt über das Erlebte aus. Du sollst den siebenten Tag heiligen, denn auch Gott ruhte an ihm.

Für mich bleibt der Sonntag immer eine andere Zeit. Ein Tag, der an die messianische Zeit erinnert. Das sind nicht die Stunden, die uns noch bevorstehen, sondern jene, in die wir schon jetzt eintauchen können. Es gibt ein anderes Maß, Stille und Erfüllung werden uns geschenkt. Wir leben in diesen Freiräumen wie in einer anderen Welt.

Wenn der Sonntagabend keine anderen Termine bereit hält, klingt er beim Tatort aus. Viel Böses geschieht, aber Frieden und Gerechtigkeit werden siegen.

Bleiben Sie behütet!

Ihr Ralf Meister

frei*Raum

Mein Freiraum am Tag

Das Abendgebet

Die Zeiten der Stille bleiben, ich gestehe es, in meinem Leben sehr begrenzt. Und dennoch gibt es durch alle Jahrzehnte meines Lebens eine kurze Spanne Zeit, die nur mir und Gott gehört – jeden Tag. Das sind die Minuten am Abend, bevor der Schlaf kommt: Es ist mein Abendgebet. Diese Minuten sind kostbar auch wenn sie sich durch meine Altersstufen immer wieder verändert haben:

„Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Augen zu, Vater, lass die Augen dein, über meinem Bette sein, …“ so betete ich im Geschwisterkreis als Kind. Und abschließend hieß es gesprochen: Lieber Gott, ich bin klein, mein Herz mach rein, lass bei allen ein Englein stehn“ und dann wurden alle aufgezählt: Die Geschwister, die Eltern, Omas, Opas, Onkel, Tanten, Haustiere.

Es war der Übergang vom Tag zur Nacht, den dieses Abendgebet immer begleitete. Waren die Zähne geputzt und Hände gewaschen, ging es ins Bett. Und dann hieß es warten, bis die Mutter kam zum Abendgebet. Galten bis zu diesem Augenblick noch die Gesetze des Tages, der Streit, das Herumalbern und die kindliche Geschäftigkeit, so änderte es sich mit diesen Abendstrophen. Nun wurden wir still. Es konnte Nacht werden.

Es war die einfache Geste der Namensnennung am Ende des Gebets, die mich – bis heute – an jedem Abend an meine Familie und engsten Freunde denken lässt. Hinzu nehme ich jene, die mir am zu Ende gehenden Tag in Sorge oder Freude in Gedanken geblieben sind. Sie alle befehle ich Gott an.

Vor 15 Jahren bin ich, nachdem ich einige Jahrzehnte in freien Sätzen den Tag im Gebet beendete, auf Zeilen von Lothar Zenetti gestoßen: „Das Gebet für alle“. Diese Zeilen sind mein täglicher Freiraum an der Grenze zwischen Tag und Nacht. Langsam gesprochen und nachsinnend über die Menschen, die mir nahe sind, lege ich sie Gott ans Herz:

Behüte, HERR, die ich dir anbefehle,

die mir verbunden sind und mir verwandt.

Erhalte sie gesund an Leib und Seele

und führe sie an deiner guten Hand.

Sie alle, die mir ihr Vertrauen schenken

und die mir soviel Gutes schon getan.

In Liebe will ich dankbar an sie denken,

o Herr, nimm dich in Güte ihrer an.

Um manchen Menschen mache ich mir Sorgen

und möchte helfen, doch ich kann es nicht.

Ich wünsche nur, er wär bei dir geborgen

und fände aus dem Dunkel in dein Licht.

Du ließest mir so viele schon begegnen,

so lang ich lebe, seit ich denken kann.

Ich bitte dich, du wollest alle segnen,

sei mir und ihnen immer zugetan.

Wenige Minuten. Immer gleich und doch jeden Abend anders. Der kostbare Raum für die Liebe und Sorge, für den Dank und die Schönheit des Lebens. Und alles eingefügt in die Gnade Gottes.

Bleiben Sie behütet!

Ihr

Ralf Meister

Landesbischof